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Klostermedizin – aktuell wie eh und je

Wir beobachten, dass sich viele Menschen verstärkt der traditionellen europäischen Medizin und damit auch althergebrachten Heilmitteln zuwenden. Das Vertrauen in die Natur und damit zum Leben und zum eigenen Körper wächst wieder. Aus meinem Medizinverständnis heraus unternimmt die Natur nichts, um sich selbst zu schaden. Macht sich der Körper mit Krankheit bemerkbar, zeigt er, dass er belastet ist. Er will in seinem Gesundungsbestreben unterstützt werden, nicht unterdrückt. Und er möchte, dass wir ihm Zeit dazu lassen. Auf diesen Zusammenhängen beruht auch die Lehre der Heilwirkung von Pflanzen schlechthin.

In unserer schnelllebigen Zeit wird es aber vielfach als absurd empfunden, sich Zeit für einen Gesundungsprozess zu nehmen. Heute früh krank, heute Mittag eine Pille, heute Abend fit – eine solche Erwartungshaltung und Praxis erklärt aus meiner Sicht, warum es immer mehr chronisch kranke Menschen gibt. Es fehlt die Zeit zum wirklichen Ausheilen – was in der Tradition des Heilens unbekannt ist.

Die Tradition des Heilens führt uns zu den Klöstern, die in unserer christlichen Kultur vom Frühmittelalter bis zum Hochmittelalter die Verantwortung für die medizinische Versorgung der Bevölkerung trugen. In der Zeit des Umbruchs in Europa gründete Benedikt von Nursia um das Jahr 527 ein Kloster auf dem Monte Cassino in Süditalien, dem er eine umfangreiche Regel in 73 Kapiteln gab. Dieser Schritt sollte für die Geschichte Europas von zentraler Bedeutung werden, auch für die europäische Medizin. Denn Benedikts Richtlinien entwickelten sich zur maßgebenden Ordensregel in Westeuropa, wobei Papst und Kirchenvater Gregor der Große (540-604) eine entscheidende Rolle spielte. Das wichtigste Kapitel für die Entwicklung der medizinischen Versorgung ist die Nr. 37 der ‚Regula’. Dort heißt es: „Die Sorge für die Kranken steht vor und über allen anderen Pflichten." Dahinter steht der Satz aus dem Neuen Testament: „Krank bin ich gewesen, und ihr habt mich besucht." (Matthäus 25,36). Für die Pflege der Kranken sollte jedes Kloster einen eigenen „Diener" und einen speziellen Raum haben. Aus dem Raum wurde das Infirmarium und schließlich das Klosterspital, aus dem „Diener" der Mönchsarzt und Klosterapotheker, ab der frühen Neuzeit auch die Klosterapothekerin.

Bis zum heutigen Tag steht Klostermedizin eng in Verbindung mit der Pflanzenheilkunde bzw. Naturheilkunde. Sie verbindet die Lehre von den Heilkräutern, Arzneipflanzen und der Ernährungskunde zu einer ganzheitlichen Medizin. Als Begriff bezeichnet sie in der Medizingeschichte aber eher eine Epoche und weniger eine spezielle Therapiemethode. Der große Unterschied zu der heutigen Medizin beruht unter anderem darauf, dass der Mensch als Individuum „behandelt“ und nicht, wie in der heutigen Medizin üblich, einer standardisierten Diagnostik und Therapieverfahren zugeführt wurde. Der Klostermedizin verdanken wir uralte Erkenntnisse der Heilkunde, die außerhalb der Klostermauern längst verloren gegangen sind.

Inhaltlich Verantwortlicher für diesen Artikel:
Klaus Keller | Von-Eichendorffstr. 11 | 82211 Herrsching
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